Fallbeispiel 6

Auszug aus RETTUNGSDIENST Ausgabe 6-2010 - Autor Ecke Tammen

55 Minuten Reanimation überlebt und zu 100% wieder im Leben angekommen

RETTUNGSDIENST Ausgabe 6, Jahrgang 2010

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Niculae Balaneanu war tot, bis ihn jede Menge Erfahrung und ein wenig Glück zurück ins Leben brachten - Malte Glotz, Red. WLZ-FZ:

Vor knapp einem Jahr war Niculae Balaneanu klinisch tot – 55 Minuten lang. Das Rettungsdienst-Team um Notarzt Dr. Ecke Tammen hat ihn zurück ins Leben geholt. Heute lebt er beschwerdefrei.

Korbach. Niculae Balaneanu sitzt in seiner Küche, trinkt einen Schluck Kaffee: „Mir geht es sehr gut", sagt er und lacht. Er wirkt wie ein Mensch, der sein Leben genießt.
Niculae hatte Glück – großes Glück. Andere Umstände, ein anderer Wohnort und er wäre heute vielleicht nicht mehr am Leben. Der vergangene Mai hatte 744 Stunden. Niculae hat davon nur 743 Stunden gelebt. Fast 60 Minuten des 14. Mai 2009 war er klinisch tot.

Es fing mit einem unruhigen Nachmittag an, als er einen Freund in das Krankenhaus fahren musste. Die Aufregung war groß. Zu groß für Niculaes Herz. Am Abend fühlte sich der 47-jährige Raucher nicht wohl, ging um kurz vor halb zwei in der Nacht noch einmal ins Badezimmer. Ihm war schlecht, er wollte sich erfrischen, einen Schluck Wasser trinken, warten, bis die Übelkeit verflogen war.

Als seine Frau Vivi, sie war um diese Zeit noch wach und las ein Buch, wenig später einen dumpfen Aufschlag hörte, ahnte sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie lief ins Bad, Niculae lag auf dem Boden, reagierte nicht mehr, schnappte nach Luft. Sofort rief Vivi Balaneanu den Notarzt – und Niculae hatte zum ersten Mal in dieser Nacht Glück: Er wohnt in der Arolser Landstraße, der Rettungswagen brauchte nur drei Minuten, bis er an seinem Haus eintraf.

Das Rettungsteam fand Niculae bewusstlos auf dem Boden des Badezimmers liegen, er hatte keinen Puls mehr, zeigte keine Reaktion auf Schmerzreize. Wäre der Rettungswagen länger unterwegs gewesen, Niculaes Gehirn hätte durch Sauerstoffunterversorgung Schaden benehmen können.

Um dem vorzubeugen, begannen die Rettungsassistenten sofort mit der Herz-Lungen-Massage. Gleich darauf, das Team war keine zwei Minuten vor Ort, traf der Notarzt ein. Ecke Tammen, neben seiner Tätigkeit als Leitender Notarzt im Landkreis Waldeck-Frankenberg auch Anästhesist in Rotenburg an der Fulda, Reha-Mediziner und Arzt für Arbeitsmedizin, war der zweite Glücksfall für Niculae Balaneanu an diesem Abend.

Er stellte Herzkammerflimmern fest, setzte sofort den Defibrillator ein. Mehrmals versuchte er, das schwer flimmernde Herz mit Stromstößen wieder in Gang zu setzen: vergebens. Zwischenzeitlich wurde Niculae intubiert und beatmet. Er bekam Adrenalin gespritzt, Bikarbonat und andere Herzmedikamente. Anschließend ein erneuter Versuch der Defibrillation, alles ohne Erfolg.

Eine gute Viertelstunde war inzwischen vergangen, Niculae war noch immer klinisch tot. Da er Raucher war, lag ein Herzinfarkt nahe. Sicher sein konnte sich niemand, sagt Ecke Tammen heute: „In so einer Situation hat man als Arzt keine Zeit und auch keinen sicheren technischen Nachweis für eine fundierte Diagnose", was zähle, sei Erfahrung.

Guter Arzt, gutes Team

Erfahrung hat Ecke Tammen, im Notfalldienst holt er immer wieder Menschen vom Rande des Todes zurück ins Leben – bereits dreimal allein im Jahr 2010. Nicht immer ist das Resultat so befriedigend wie bei Niculae Balaneanu. Auch das Team, welches an diesem Abend im Mai mit Dr. Tammen im Bad um das Leben eines Mannes kämpfte, war sehr erfahren und auf einander eingespielt. Ein weiterer Glücksfall für Niculae, dass sich jeder auf die Zuverlässigkeit und Schnelligkeit der anderen verlassen konnte.

Nach der Erfahrung des Arztes lag hier ein Herzinfarkt vor. Da alle bisherigen Rettungsversuche gescheitert waren, fasste Ecke Tammen einen schwerwiegenden Entschluss: Er spritzte ein Lyse-Präparat. Anders als gewöhnliches Aspirin verdünnt dieses Medikament das Blut nicht nur sehr stark, es löst auch Blutgerinnsel auf: Die Blutgerinnung ist nach der Gabe einer Lyse erst einmal ausgeschaltet. Hätte Niculae nicht an einem Herzinfarkt gelitten, sondern etwa an einer Hirnblutung, wäre er durch das Medikament umgekommen. Ebenso gefährlich wäre es gewesen, wenn die Herzmassage ihm innere Verletzungen zugefügt hätte oder sein Aufprall auf dem Fußboden ihn verletzt hätte.

Nicht alle Notärzte können sich daher zu so einem Schritt durchringen. Dr. Ecke Tammen tat es, denn er sah keine andere Chance, Niculae Balaneanu zurück ins Leben zu holen. Glück für Niculae auch diesmal: Er war nicht verletzt, hatte keine Hirnblutung.

Eine Dreiviertelstunde nach dem Spritzen des Lyse-Medikaments, die ganze Zeit über wurde sein Blut nur dank der Herzdruckmassage durch den Körper transportiert, zeigte sich bei Niculae der erste Puls. Sofort wurde er ins Krankenhaus gebracht. Kurz darauf war seine Frau Vivi bei ihm: „Ich habe zu ihm gesagt, Niculae, du musst zurückkommen!" Niculae Balaneanu hat einen starken Willen, er kam zurück. Schon am zweiten Tag zog er sich selbst seinen Beatmungsschlauch. Nach nur acht Tagen Krankenhausaufenthalt, in denen auch die Engstelle an dem Herzkranzgefäß erweitert und ein sogenannter Stent eingesetzt worden war, wurde Niculae in die Reha entlassen. Nach einem weiteren Eingriff am Herzen konnte er schnell wieder arbeiten.

Heute führt er ein ganz normales Leben ohne Einschränkungen. Er hat aufgehört zu rauchen, die Zigaretten waren an dem Infarkt sicher nicht unschuldig. Ecke Tammen, der Notarzt, ist begeistert von Niculaes Genesung: „Der Fall ist eine Rarität. Er hat jetzt eine ganz normale Lebensprognose."

Sein zukünftiges Leben wird er allerdings viel bewusster und lockerer angehen: weniger Stress, mehr Reisen. Dem Rettungsteam ist er von Herzen dankbar: „Menschen, die so einen Job machen, sind für mich jeden Tag Helden."

Online bei WLZ-FZ erschienen 6.2010 Autor: Malte Glotz, Redakteur der WLZ-FZ

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